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Donnerstag, 14. Juni 2012

Römische Elegien : * I *


Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
ewige Roma! Nur mir schweiget noch alles so still.
Oh, wer flüstert mir zu, an welchem Fenster erblick ich
einst das holde Geschöpf, das mich versengend erquickt?
Ahn ich die Wege noch nicht, durch die ich immer und immer,
zu ihr und von ihr zu gehn, opfre die köstliche Zeit?
Noch betracht ich Kirch und Palast, Ruinen und Säulen,
wie ein bedächtiger Mann schicklich die Reise benutzt.
Doch bald ist es vorbei! Dann wird ein einziger Tempel,
Amors Tempel, nur sein, der den Geweihten empfängt.
Eine Welt zwar bist du, o Rom! Doch ohne die Liebe
wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.

Johann Wolfgang Goethe

Sonntag, 31. Juli 2011

Lob der Ferne

Im Quell deiner Augen
leben die Garne der Fischer der Irrsee
Im Quell deiner Augen
hält das Meer sein Versprechen

Hier werf ich
ein Herz, das geweilt unter Menschen,
die Kleider von mir und den Glanz eines Schwures:

Schwärzer im Schwarz, bin ich nackter.
Abtrünnig erst bin ich treu.
Ich bin du, wenn ich ich bin.

Im Quell deiner Augen
treib ich und träume von Raub

Ein Garn fing ein Garn ein:
wir scheiden umschlungen.

Im Quell deiner Augen
Erwürgt ein Gehenkter den Strang.

Paul Celan

Mittwoch, 13. Juli 2011

Leben ohne Eitelkeit

Sieh, mein Außenbild ist fügsam,
sieh, mein Haben, so genügsam,
achtet wohl des Gleichgewichts.
Hat es wenig, dankt für viel es,
wahrt des Weges, Maßes, Zieles
                                  und Verzichts.

Doch mein Innensein verzichtet,
eh es sich genügsam richtet,
achtet nicht des Gleichgewichts.
Immer steig' es oder fall' es,
hat es vieles, will es alles
                                  oder nichts!
Karl Kraus

Dienstag, 14. Juni 2011

Sittlichkeit und Kriminalität

Wir können ruhig schlafen,
weil man ins freie Feld
der Lust den Paragraphen
als Vogelscheuche stellt.

Doch Warnung lockt den Flieger,
die Scheuche schreckt den Schlaf;
die Lust bleibt immer Sieger,
ihr Schmuck der Paragraph!

Karl Kraus

Montag, 6. Juni 2011

Mad World

All around me are familiar faces
Worn out places, worn out faces
Bright and early for their daily races
Going nowhere, going nowhere
And their tears are filling up their glasses
No expression, no expression
Hide my head I want to drown my sorrow
No tomorrow, no tomorrow

And I find it kind of funny
I find it kind of sad
The dreams in which I'm dying
Are the best I've ever had
I find it hard to tell you
'Cos I find it hard to take
When people run in circles
It's a very, very
Mad World

Children waiting for the day they feel good
Happy Birthday, Happy Birthday
Made to feel the way that every child should
Sit and listen, sit and listen
Went to school and I was very nervous
No one knew me, no one knew me
Hello teacher tell me what's my lesson
Look right through me, look right through me

Tears for Fears

Freitag, 3. Juni 2011

Allégorie

C'est und femme belle et de riche encolure,
Qui laisse dans son vin traîner sa cheveleur.
Les griffes de l'amour, les poisson des tripot,
Tout glisse et tout s'émousse au granit de sa peau.
Elle rit à la Mort et nargue la Débauche,
Ces monstres dont le main, qui toujours gratte et fauche,
Dans ses jeux destructeurs a pourtant respecté
De ce corps ferme et droit la rude majesté.
Elle marche en déesse et repose en sultane;
Elle a dans le plaisir la foi mahométane,
Et dans ses bras ouverts, que remplissent ses seins,
Elle appelle des yeux la race des humains.
Elle croit, elle sait, cette vierge inféconde
Et pourtant nécessaire à la marche du monde,
Que la beauté du corps est un sublime don
Qui de toute infamie arrache le pardon.
Elle ignore l'ignore l'Enfer comme le Purgatoire,
Et quand l'heure viendra d'entrer dans la Nuit noire,
Elle regardera la face de la Mort,
Ainsi qu'un nouveau-né, – sans haine et sans remords.

Allegorie

Ein schönes Weib ist sie von üppiger Gestalt,
Im Weine schleift ihr Haar, das reich herniederwallt.
Der Kneipen Gifte und der Liebe Tatzen
Können die Haut aus Marmor nicht zerkratzen.
Sie höhnt den Tod, kein Laster kann sie schänden,
Von dieser Ungeheuer raffgierigen Händen,
Die ein zerstörerisches Spiel gewohnt,
Blieb ihres festen Leibes Majestät verschont.
Sultanin, wenn sie ruht, Göttin, wenn sie sich regt;
Den Glauben an die Lust wie ein Moslem sie hegt,
Die ganze Menschheit lockt ihr Auge unverhüllt
In ihre offenen Arme, die ihr Busen füllt.
Die unfruchtbare Jungfrau glaubt und denkt,
Da sie den Lauf der Welt gleichwohl beschenkt,
Daß, wer erhabene Leibesschönheit hat,
Verzeihung findet für die schlimmste Tat.
Sie kennt kein Fegefeuer, keine Höllenpein,
Führt ihre Stunde sie in schwarze Nacht hinein,
Wird sie des Todes Antlitz frei ins Auge fassen,
Wie neugeboren – ohne Reu und Hassen.

Charles Baudelaire, übersetzt von Monika Fahrenbach- Wachendorff

Montag, 23. Mai 2011

Gedicht von Paul Celan

Mutter, Mutter.

Der Luft entrissne,
der Erde entrissne.

Herunter-,
Herauf-
gezerrte.

Vor die Messer
schreiben sie dich,
kulturflott, linksnibelungisch, mit
dem Filz-
schreiber, auf Teakholztischen, anti-
restaurativ, proto-
kolarisch, prä-
zise, in der neu und gerecht
zu verteilenden Un-
menschlichkeit Namen,
meisterlich, deutsch,
mannschmannsch, nicht
ab-, nein wiesen-
gründig,
schreiben sie, die
Aber-Maligen, dich
vor
die
Messer.

Etwas tun,
etwas
tun
in der Höhe, der
Tiefe.
Etwas, auf Erden.

Freitag, 20. Mai 2011

A Lecture upon the Shadow


 Stand still, and I will read to thee
 A lecture, Love, in Love's philosophy.
     These three hours that we have spent,
     Walking here, two shadows went
 Along with us, which we ourselves produced.
 But, now the sun is just above our head,
     We do those shadows tread,
     And to brave clearness all things are reduced.
 So whilst our infant loves did grow,
 Disguises did, and shadows, flow
 From us and our cares ; but now 'tis not so.

 That love hath not attain'd the highest degree,
 Which is still diligent lest others see.

 Except our loves at this noon stay,
 We shall new shadows make the other way.
     As the first were made to blind
     Others, these which come behind
 Will work upon ourselves, and blind our eyes.
 If our loves faint, and westerwardly decline,
     To me thou, falsely, thine
     And I to thee mine actions shall disguise.
 The morning shadows wear away,
 But these grow longer all the day ;
 But O ! love's day is short, if love decay.

 Love is a growing, or full constant light,
 And his short minute, after noon, is night.


John Donne

Donnerstag, 5. Mai 2011

Hymne

À la très chère, à la très belle
Qui remplit mon coeur de clarté,
À l’ange, à l’idole immortelle,
Salut en l’immortalité!

Elle se répend dans ma vie
Comme un air imprégné de sel,
Et dans mon âme inassouvie
Verse le goût de l’eternel.

Sachet toujours frais qui perfume
L’atmosphère d’un cher réduit,
Encensoir oublié qui fume
En secret à travers la nuit,

Comment, amour incorruptible,
T’expremer avec vérité?
Grain de musc qui gis, invisible,
Au fond de mon éternité!

À la très bonne, à la très belle,
Qui fait ma joie et ma santé,
À l’ange, à l’idole immortelle,
Salut en l’immortalité!

Charles Baudelaire

Montag, 11. April 2011

Der Mensch und das Meer


Du freier Mensch, der Meere liebt und preist!
Dein Spiegel sind sie, der die Seele zeigt,
Wo ohne Ende Brandung fällt und steigt;
Nicht minder bittrer Abgrund ist dein Geist.

Und du vertiefst dich und umgreifst dein Bild
Mit Aug und Arm, aus seinem eigenen Brüten
Löst manchmal sich dein Herz bei diesem Wüten
Und dieser Klage, unbezähmbar wild.

Verschwiegen beide, dunkel wie die Nacht:
Mensch, wer kann deine Tiefen je ergründen,
Meer, wer kann deinen innern Reichtum finden,
Da ihr Geheimnisse mit Eifersucht bewacht!

Schon seit Jahrtausenden und immer wieder
Stürzt ihr euch mitleidlos in euren Streit,
So sehr liebt ihr den Tod und Grausamkeit,
O ewige Kämpfer, o entzweite Brüder!

*

L'Homme et la mer

Homme libre, toujours tu chériras la mer!
La mer est ton miroir; tu contemples ton âme
Dans le déroulement infini de sa lame,
Et ton esprit n'est pas un gouffre moins amer.

Tu te plais à plonger au sein de ton image;
Tu l'embrasses des yeux et des bras, et ton coeur
Se distrait quelquefois de sa propre rumeur
Au bruit de cette plainte indompable et sauvage.

Vous êtes tous les deux ténébreux et discrets:
Homme, nul n'a sondé le fond de tes abîmes;
Ô mer, nul ne connaît tes richesses intimes,
Tant vous êtes jaloux de garder vos secrets!

Et cependant voilâ des siècles innombrables
Que vous vous combattez sans pitié ni remord,
Tellement vous aimez le carnage et la mort,
Ô lutteurs éternels, ô frères implacables!

Charles Baudelaire, übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff

Mittwoch, 23. Februar 2011

Spleen und Ideal

Wie lieb ich dieser nackten Zeiten Bild
Mit Statuen, von Phöbus' Gold umspielt,
Als Mann und Weib sich aneinander freuten,
Lebhaft und ohne Falsch und Ängstlichkeiten,
Und stählten sie die Kraft der edlen Glieder,
Sah liebevoll der Himmel auf sie nieder.
Kybele, fruchtbar, voller reicher Gaben,
Schien an den Söhnen keine Last zu haben,
Das Herz der Wölfin zärtlich überging,
Das All an ihren braunen Zitzen hing.
Der Mann war stolz auf seiner Schönen Schar,
Für die er, stark und vornehm, König war,
Früchte, die makellos und rein zu preisen,
verlockend, in ihr festes Fleisch zu beißen!

Doch will der Dichter heute noch gewahren
Die Herrlichkeiten, die am Ursprung waren,
Wenn Mann und Weib ihm ihre Nacktheit zeigen,
Faßt seine Seele kaltes, finsteres Schweigen.
Ein grauenvolles Bild muß er da sehn:
O Mißgestalten, die um Kleider flehn!
O lächerliche Rümpfe, der Maskierung wert!
Arme, verkrampfte Körper, bäuchig, abgezehrt,
Vom Gott des Nutzens, heiter, ungerührt
Als Kinder schon in erzene Windeln eingeschnürt!
Und Frauen, blaß wie Kerzen anzuschauen,
Genährt, verzehrt vom Laster, und auch ihr, Jungfrauen,
Vom Fluch der Mütter seid ihr nicht befreit,
Erbt ihn mit aller Schmach der Fruchtbarkeit!

Gewiß, Schönheiten gib's in unserm Land,
Die waren alten Völkern unbekannt:
Gesichter , die von brandigen Herzen künden,
Der Sehnsucht Schönheit mag man darin finden;
Doch was die späte Muse sich erdacht,
Hat dies Geschlecht nicht davon abgebracht,
Daß es der Jugend Huldigung bezeigt,
- Der heiligen Jugend, sanft die Stirn geneigt,
Das Auge hell, wie Wasser klar, ganz schlicht,
Verströmt sie überall und sorgt sich nicht,
Wie Himmel, Vögel, Blumen, die da blühen,
Ihr Duften, Singen und ihr sanftes Glühen!

Charles Baudelaire (Übersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff)

Dienstag, 22. Februar 2011

Übereinstimmungen

Natur: ein Tempelblau, lebendige Säulen ragen,
Manchmal daraus ein wirres Wort entflieht;
Der Mensch durch Wälder von Symbolen zieht,
Die mit vertrauten Blicken ihn befragen.

Wie lang ein Hall und Widerhall von weit
In Eines dunkel tief zusammenklingen,
Ton, Duft und Farbe ineinander schwingen,
Endlos wie Nacht und wie die Helligkeit.

Und Düfte gibt es, frischer als ein Kind,
Wie Wiesen grün, süß wie Oboen tönen,
- Und andere, die verderbt und üppig sind,

Die triumphierend sich unendlich dehnen,
Wie Ambra, Moschus, Mandel, Myrrhe singen
Verzückungen, die Geist und Sinn durchdringen.

Charles Baudelaire (1861) übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff

Freitag, 18. Februar 2011

An den Leser

Torheit, Sünde, Geiz und Irrtum zehren
An unserm Leib, besetzen unsern Geist;
Und jeder seine lieben Skrupel speist,
Wie Bettelleute Ungeziefer nähren.

Verstockte sind wir, die nur lau bereun,
Doch wenn es lohnt, auch manches eingestehn,
Dann munter auf dem Sumpfweg weitergehn
Und glauben, Tränen waschen alles rein.

Satan, der Dreimalgroße, wiegt allzeit
Auf Bösem weich gebettet das Gemüt,
Und das Metall der Willenskraft verglüht
Durch dieses Alchimisten Fertigkeit.

Der Teufel hält die Fäden, die uns leiten!
Wir finden Lust an widerlichen Dingen,
Die täglich uns der Hölle näherbringen,
Furchtlos, durch üblen Dunst und Dunkelheiten.

Lüstlingen gleich, die gierig schmatzend küssen
Von alten Huren die zerquälten Brüste,
Stehlen wir hastig unerlaubte Lüste,
Die wir wie Apfelsinen pressen müssen.

Und wie von Würmern, die sich wimmelnd drängen,
Wird von Dämonen unser Hirn verschlungen,
Mit unserm Atem fließt in unsre Lungen
Der unsichtbare Tod mit Klagesängen.

Wenn die Gewalt, das Gift, der Dolch und Brand
Noch nicht das Jammerleben, das wir führen,
Auf dem Entwurf mit hübschen Mustern zieren,
So, weil die Kühnheit unsrer Seele schwand!

Doch unter Panthern und Schakalen aller Arten,
Den Affen, Geiern, Schlangen, die sich winden,
Den Ungeheuern, die wir heulend finden,
Kreischend und knurrend in des Lasters Garten,

Ist eins vor allen häßlich und gemein!
Zwar schreit es nicht und scheint sich kaum zu regen,
Doch würd es gern die Welt in Trümmer legen
Und schlänge gähnend sie in sich hinein;

Die Langeweile ist's! - Das Auge tränenreich
Raucht sie die Wasserpfeife, träumt vom Blutgericht.
Kennst du das heikle Ungeheuer nicht,
- Scheinheiliger Leser - Bruder, du - mir gleich!

Charles Baudelaire (1861) übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff

Freitag, 19. November 2010

Bange Stunde von Karl Kraus

Gebannt steh’ ich auf diesem Fleck
und kann nicht zurück und kann nicht weg
und suche mit dreimal flehenden Händen,
ein sicheres Schicksal abzuwenden.
Alles um mich in den bangen Stunden
hat Macht über mich, der gebannt und gebunden.
Gelingt’s mir, nur dies und nicht das zu denken.
So wird mich mein Wille zum Ausgang lenken,
und ich weiß mir, der Sklave dem Herren, Dank,
entrinn’ ich nur diesmal noch meinem Zwang.
Dort wäre der Weg: wo der Zweifel steht,
ob rechts oder links es sich besser geht.
Ich könnte fliegen, ich möchte eilen,
und geschwind noch beschwör’ ich die Zeit, zu verweilen.
Ich schlage mich durch, ich krieche und hinke,
wie fass’ ich die Klinke? Wie fasst mich die Klinke!
Schnell könnten drei Wünsche mir noch verderben:
Herrgott, so laß meine Freunde nicht sterben –
Was hälst du mich, scheinbare Vorhangfalte,
was will mir das Fiebergesicht, das alte –
Gott, rette mir jenen, behüte mir diesen,
bewahr ihm das Auge für Wunder und Wiesen –
wie kränkt’ ich mich damals, ich wollte nicht warten,
denn ich war krank und die andern im Garten,
eine Spieldose hat die Gavotte gespielt,
ein Gesicht im Vorhang hat nach mir gezielt –
Gott, hilf ihnen, die die Zeit mir verwehte,
und die längst nicht glauben, daß ich für sie bete,
und jenen, die du zu dir schon entboten,
vergiß nicht die Toten, vergiß nicht die Toten!
der Einen aber hier auf dem Bilde,
es lächelt zu meinem Aufruhr so milde,
und dieser aber, o daß ich’s nicht dächte,
wenn nicht das Denken Erfüllung mir brächte,
ihr mögest du Leben und Leben und Leben
in vielfach lebendiger Fülle geben
und wirken, daß ihr in unendlichen Lenzen
wie Sonne und Mond die Züge erglänzen,
und für mich selbst, o hör den unendlichen Jammer,
bitt’ ich, daß ich in dieser Kammer,
geschmiedet in aller Erden Qual
mich zu Formen erlöse ohne Zahl,
und aus dem vorbestimmten Kreise
mir erbarmungslos und ausnahmsweise
gestattet wäre zu entrinnen,
um immer von neuem zu beginnen,
denn es lähmt mir das Herz, daß einst hinter mir
sich schließe die vorbereitete Tür,
und an dem Gedanken, mich nicht zu beerben,
würd’ ich ganz sicher noch einmal sterben!
Laß es nicht zu und lasse mich bleiben,
und bin ich erst fertig, beginn’ ich zu schreiben,
denn dem das Wort den Ursinn gelichtet,
sieh, der hat nie zu Ende gedichtet,
und war ich stets des Anfangs gewärtig,
war Leben im Wort: so werd’ ich nicht fertig!
Hier ist mir ein heiliges Räthsel gewesen,
ich habe in Hieroglyphen gelesen.
Nie lass’ ich das dreimal lebendige Wort,
verstummend in dein undenkliches Dort,
nie lass’ ich den Streit und Zweifel hiernieden
für jenen unwiderleglichen Frieden.
Nie mögst du von diesem Sessel mich heben.
Lieber den Tod als nicht mehr zu leben!
Nicht feige fleh’ ich um meine Errettung;
Doch hängen in blutig gespürter Verkettung
An meiner Gestalt die vielen Gestalten,
die du zu bewahren mir vorbehalten,
und in dem schmerzbeseligten Bund
unzählige Stimmen an meinem Mund.
Sie nachzuschaffen hast du mich gelehrt,
die von dir sich zum eigenen Abbild verkehrt;
und gleich’ ich nicht jenen, die du erschaffen,
so kannst du mich nicht zu dir entraffen.
Drum laß aus dem marschbereiten Haufen
Zurück mich in deine Ewigkeit laufen,
und gib mich mir wieder Stück um Stück!
Mit Macht reiß’ ich sonst mein Gedächtnis zurück,
um nimmer zu denken, was noch nicht geschah –
ich will ja nicht weg, ich bleibe doch da!
Was ist das nur heut, was ist das nur hier,
wie dreht sich und droht mir, wie knarrt mir die Tür,
wie rennt mir die Stunde in rasendem Lauf,
wie halten mich alle die Dinge hier auf,
und Falten und Kanten, sie starren mich an,
des Zufalls unseligsten Untertan!
Gebannt und gebunden steh’ ich auf dem Fleck,
und kann nicht zurück, und will nicht weg – .

Samstag, 23. Oktober 2010

Flamme bin ich sicherlich

Ja, ich weiß, woher ich stamme,
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich.
Licht wird alles was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse,
Flamme bin ich sicherlich.

Nietzsche

Montag, 26. April 2010

Das Lied von der Presse

Im Anfang war die Presse
und dann erschien die Welt.
Im eigenen Interesse
hat sie sich uns gesellt.
Nach unserer Vorbereitung
sieht Gott, daß es gelingt,
und so die Welt zur Zeitung
er bringt […]
Sie lesen, was erschienen,
sie denken, was man meint.
Noch mehr lässt sich verdienen,
wenn etwas nicht erscheint.

Karl Kraus