Montag, 21. Februar 2011

Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut

und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt.

Hegel 

Grabschrift für ein Hündchen (Woodie, gestorben 22. Mai 1913.)

Ein kleiner Hund mit langem Haar, den ich persönlich kannte,
er lachte, wenn man zu ihm sprach, er weinte, weil er stumm war,
sein Blick war Dank der Kreatur, für sich und für die andern.
Da kam ein Wagen ohne Pferd und tötete das Hündchen.
Wer hatte es so eilig, ach, wer hatte es so eilig.
Wie wenig Raum hat der Passant für sich gebraucht im Leben.
Wie eine Schlange konnte er, wenn du ihm pfiffst, erscheinen.
Wer füllt die schmale Stelle aus? Unwürdige sind am Leben,
sie brauchen mehr und dennoch bleibt der Würdige unersetzlich.
Und auch sein Beispiel bessert nicht, sein Opfer nicht die andern,
die immer allzu übrig sind. Der dort ging seines Weges
und starb daran. Die kleine Frau, sie sah sich um und rief ihn,
sie rief und rief und sah ihn nicht, da lag er in der Sonne.
So wenig Stelle nahm er ein. Und so viel Stille bleibet,
wo Leben keine Worte hat.

Karl Kraus

Freitag, 18. Februar 2011

Moralisch-rosa Hautfarbe

(…)
Vor allem wollen die Arbeitgeber einen netten Eindruck haben. Leute, die nett wirken – zu einer solchen Wirkung gehören natürlich die netten Manieren -, werden auch dann genommen, wenn ihre Zeugnisse schlecht sind. Der Beamte meint: „Es sollte bei uns wie bei den Amerikanern sein. Der Mann muß ein freundliches Gesicht haben.“ Um die Freundlichkeit des Mannes zu steigern, fordert das Arbeitsamt übrigens, daß er sich mit rasierten Wangen und in seinem besten Anzug bewerbe. Auch der Betriebsratsvorsitzende eines Großbetriebs empfiehlt den Angestellten bei Chefbesuchen im Kriegsschmuck ihrer Feiertagskleider aufzutreten. Außerordentlich lehrreich ist eine Auskunft, die ich in einem bekannten Berliner Warenhaus erhalte. „Wir achten bei Engagements von Verkaufs- und Büropersonal“, sagt ein maßgebender Herr der Personalabteilung, „vorwiegend auf ein angenehmes Aussehen. „ Von fern erinnert er etwas an Reinhold Schünzel in älteren Filmen. Was er unter angenehm verstehe, fragte ich ihn; ob pikant oder hübsch. „Nicht gerade hübsch. Entscheidend ist vielmehr die moralisch-rosa Hautfarbe, Sie wissen doch…“
Ich weiß. Eine moralisch-rosa Hautfarbe – diese Begriffskombination macht mit einem Schlag den Alltag transparent, der von Schaufensterdekorationen, Angestellten und illustrierten Zeitungen ausgefüllt ist. Seine Moral soll rosa gefärbt sein, sein Rosa moralisch untermalt. So wünschen es die, denen die Auslese obliegt. Sie möchten das Leben mit einem Firnis überziehen, der seine keineswegs rosige Wirklichkeit verhüllt. Wehe, wenn die Moral unter die Haut dränge und das Rosa nicht gerade noch moralisch genug wäre, um den Ausbruch der Begierden zu verhindern. Die Düsterkeit der ungeschminkten Moral brächte dem Bestehenden ebenso Gefahr wie ein Rosa, das unmoralisch zu flammen begänne. Damit beide sich aufheben, werden sie aneinander gebunden. Das gleiche System, das der Eignungsprüfung bedarf, produziert auch dieses nette und freundliche Gemenge, und je mehr die Rationalisierung fortschreitet, desto mehr nimmt die moralisch-rosa Aufmachung überhand. Die Behauptung ist kaum zu gewagt, daß sich in Berlin ein Angestelltentypus herausbildet, der sich in der Richtung auf die erstrebte Hautfarbe uniformiert. Sprache, Kleider, Gebärden und Physiognomien gleichen sich an, und das Ergebnis des Prozesses ist ebenjenes angenehme Aussehen, das mit Hilfe von Photographien umfassend wiedergegeben werden kann. Eine Zuchtwahl, die sich unter dem Druck der sozialen Verhältnisse vollzieht und zwangsläufig durch die Weckung entsprechender Konsumentenbedürfnisse von der Wirtschaft unterstützt wird.
(…)

Siegfried Kracauer, Die Angestellten (1930)

An den Leser

Torheit, Sünde, Geiz und Irrtum zehren
An unserm Leib, besetzen unsern Geist;
Und jeder seine lieben Skrupel speist,
Wie Bettelleute Ungeziefer nähren.

Verstockte sind wir, die nur lau bereun,
Doch wenn es lohnt, auch manches eingestehn,
Dann munter auf dem Sumpfweg weitergehn
Und glauben, Tränen waschen alles rein.

Satan, der Dreimalgroße, wiegt allzeit
Auf Bösem weich gebettet das Gemüt,
Und das Metall der Willenskraft verglüht
Durch dieses Alchimisten Fertigkeit.

Der Teufel hält die Fäden, die uns leiten!
Wir finden Lust an widerlichen Dingen,
Die täglich uns der Hölle näherbringen,
Furchtlos, durch üblen Dunst und Dunkelheiten.

Lüstlingen gleich, die gierig schmatzend küssen
Von alten Huren die zerquälten Brüste,
Stehlen wir hastig unerlaubte Lüste,
Die wir wie Apfelsinen pressen müssen.

Und wie von Würmern, die sich wimmelnd drängen,
Wird von Dämonen unser Hirn verschlungen,
Mit unserm Atem fließt in unsre Lungen
Der unsichtbare Tod mit Klagesängen.

Wenn die Gewalt, das Gift, der Dolch und Brand
Noch nicht das Jammerleben, das wir führen,
Auf dem Entwurf mit hübschen Mustern zieren,
So, weil die Kühnheit unsrer Seele schwand!

Doch unter Panthern und Schakalen aller Arten,
Den Affen, Geiern, Schlangen, die sich winden,
Den Ungeheuern, die wir heulend finden,
Kreischend und knurrend in des Lasters Garten,

Ist eins vor allen häßlich und gemein!
Zwar schreit es nicht und scheint sich kaum zu regen,
Doch würd es gern die Welt in Trümmer legen
Und schlänge gähnend sie in sich hinein;

Die Langeweile ist's! - Das Auge tränenreich
Raucht sie die Wasserpfeife, träumt vom Blutgericht.
Kennst du das heikle Ungeheuer nicht,
- Scheinheiliger Leser - Bruder, du - mir gleich!

Charles Baudelaire (1861) übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff

Donnerstag, 17. Februar 2011

DJ Cheeba - Revenge of The Nerd

DJ Cheeba - Revenge of The Nerd from Solid Steel on Vimeo.

KIEGIEB

Kunst ist eine Gefangene ihres eigenen Begriffes.

Walter Benjamin

Der Wirklichkeit wird so sehr zugesetzt, daß sie Farbe bekennen muß.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Der Paragraph.

Was die Nazis den Juden antaten, war unsagbar: die Sprachen hatten kein Wort dafür, denn selbst Massenmord hätte gegenüber dem Planvollen, Systematischen und Totalen noch geklungen wie aus der guten alten Zeit des Degerlocher Hauptlehrers. Und doch mußte ein Ausdruck gefunden werden, wollte man nicht den Opfern, deren es ohnehin zu viele sind, als daß ihre Namen erinnert werden können, noch den Fluch des Nicht gedacht werden soll ihrer antun. So hat man im Englischen den Begriff genocide geprägt. Aber durch die Kodifizierung, wie sie in der internationalen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt ist, hat man zugleich, um des Protestes willen, das Unsagbare kommensurabel gemacht. Durch die Erhebung zum Begriff ist die Möglichkeit gleichsam anerkannt: eine Institution, die man verbietet, ablehnt, diskutiert. Eines Tages mögen vorm Forum der United Nations Verhandlungen darüber stattfinden, ob irgendeine neuartige Untat unter die Definition des genocide fällt, ob die Nationen das Recht haben einzuschreiten, von dem sie ohnehin keinen Gebrauch machen wollen, und ob nicht angesichts unvorhergesehener Schwierigkeiten in der Anwendung auf die Praxis der ganze Begriff des genocide aus den Statuten zu entfernen sei. Kurz danach gibt es mittelgroße Schlagzeilen in der Zeitungssprache: Genocidmaßnahmen in Ostturkestan nahezu durchgeführt.

Adorno, Minima Moralia (1951)