Mittwoch, 29. Juni 2011

Karl Kraus über den Künstler, Kunstwerke, Snobs und Philister

Die Kunst ist so eigenwillig, daß sie das Können der Finger und Ellbogen nicht als Befähigungsnachweis gelten läßt.

Künstler haben das Recht, bescheiden, und die Pflicht, eitel zu sein.

Wer das Lob der Menge gern entbehrt, wird sich die Gelegenheit, sein eigener Anhänger zu werden, nicht versagen.

Der Philister langweilt sich und sucht die Dinge, die ihn nicht langweilen. Den Künstler langweilen die Dinge, aber er langweilt sich nie.

Der Philister möchte immer, daß ihm die Zeit vergeht. Dem Künstler besteht sie.

Ein Snob ist unverläßlich. Das Werk, das er lobt, kann gut sein.

Kunstwerke sind überflüssig. Es ist zwar notwendig, sie zu schaffen, aber nicht, sie zu zeigen. Wer Kunst in sich hat, braucht den fremden Anlaß nicht. Wer sie nicht hat, sieht nur den Anlaß. Dem einen drängt sich der Künstler auf, dem andern prostitiuiert er sich. In jedem Fall sollte er sich schämen.

Die Kunst dient dazu, uns die Augen auszuwischen.

Karl Kraus

Faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne

Nehmen wir den einfachsten Fall: die sogenannten "Vermischten Meldungen", seit jeher der Tummelplatz der Sensationspresse. Blut und Sex, Tragödien und Verbrechen haben immer schon Verkaufsziffern in die Höhe getrieben, und so mußte die Diktatur der Einschaltquote derartige Ingredienzen an die vorderste Stelle, an den Beginn der Fernsehnachrichten spülen, die früher ausgeklammert oder auf die hinteren Ränge verwiesen wurden, weil man sich bemühte, nach dem Vorbild der seriösen Tagespresse als respektabel zu erscheinen. Die "Vermischten Meldungen" sind aber auch die Meldungen, die alles vermischen. Das Grundprinzip von Zauberern besteht darin, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken als auf das, was sie gerade tun. Die symbolische Aktion des Fernsehens zum Beispiel auf der Ebene der Nachrichten besteht darin, die Aufmerksamkeit auf Dinge zu lenken, die alle Welt interessieren, die omnibus – für alle – da sind. Omnibus-Meldungen sind solche, die, wie es heißt, niemanden schockieren dürfen, bei denen es um nichts geht, die nicht spalten, die Konsens herstellen, die alle interessieren, aber so, daß sie nichts Wichtiges berühren. Die "Vermischte Meldung" stellt jenen Grundbaustein der Nachrichten dar, der sehr wichtig, weil für alle von Interesse ist, ohne zu irgendwelchen Konsequenzen Anlaß zu geben, und der Zeit beansprucht, Zeit, die dazu verwendet werden könnte, über andere Dinge zu sprechen. Zeit aber ist im Fernsehen ein äußerst knappes Gut. Und wenn wertvolle Minuten verschleudert, um derart Unwichtiges zu sagen, so deswegen, weil diese unwichtigen Dinge in Wirklichkeit sehr wichtig sind, und zwar insofern, als sie Wichtiges verbergen. Ich hebe dies hervor, weil wir aus anderen Untersuchungen wissen, daß weite Teile der Bevölkerung keinerlei Tageszeitung lesen, daß sie den Fernsehen als einziger Informationsquelle völlig ausgeliefert sind. Das Fernsehen hat eine Art faktisches Monopol bei der Bildung der Hirne eines Großteil der Menschen. Legt das Fernsehen den Akzent auf die "Vermischten Meldungen", so füllt es die Zeit mit Leere, mit nichts oder fast nichts, und klammert relevante Informationen aus, über die der Staatsbürger zur Wahrnehmung seiner demokratischen Rechte verfügen sollte. Damit ist die Tendenz zu einer Spaltung gegeben, einer Spaltung zwischen denen, die die sogenannte seriöse Presse lesen können (soweit diese angesichts der Konkurrenz des Fernsehens seriös bleibt), die zur internationalen Presse, zu fremdsprachigen Rundfunknachrichten Zugang haben auf der einen Seite – und auf der anderen Seite denen, deren ganzes politisches Rüstzeug in den vom Fernsehen gelieferten Nachrichten, also in fast gar nichts besteht (abgesehen von der Information, die im puren Kennenlernen der meistgezeigten Männer und Frauen besteht, im Kennen ihrer Gesichter, ihrer Ausdruckweisen, Dingen, die noch die kulturell Hilflosesten entziffern können – wodurch ihnen übrigens große Teile des politischen Führungspersonals suspekt werden).


Pierre Bourdieu
Auszug aus Über das Fernsehen (1996)

Sonntag, 26. Juni 2011

Wesen der kritischen Theorie?

Genau das Negative war das Positive, dieses Bewußtsein des Nichtmitmachens, des Verweigerns; die unerbittliche Analyse des Bestehenden, das ist eigentlich das Wesen der kritischen Theorie.

Leo Löwenthal

Samstag, 25. Juni 2011

der Künstler seines Lebens

Im kleinen Zimmer herrscht Stille; Einsamkeit und Müßigkeit umschleichen die Einbildung; leise, ganz leise entflammt sie sich und brodelt auf, wie das Wasser in der Kaffeemaschine der alten Matronja, die nebenan in der Küche geräuschlos hantiert und sich ihren Köchinnenkaffee kocht. Nach und nach steigen die heißen Blasen auf, und schon fällt das Buch, das auf gut Glück und ohne Absicht ergriffen wurde, aus der Hand meines Träumers, der nicht einmal bis zur dritten Seite gelangt ist. Seine Einbildungskraft ist aufs neue gestimmt und erregt, und plötzlich glänzt eine neue Welt voll von neuem bezauberndem Leben in einer schimmernden Perspektive vor ihm auf. Ein neuer Traum – ein neues Glück! Eine neue Dosis des verfeinerten süßen Giftes! Oh, was soll ihm noch unser wirkliches Leben! Für seinen bestochenen Blick leben wir, Sie und ich, Nastjenka, so langsam, so träge und welk; seiner Ansicht nach sind wir alle so unzufrieden mit unseren Losen und so sehr von unserem Leben gequält! Und ist es nicht auch tatsächlich wahr, schauen Sie nur, wie in der Tat auf den ersten Blick alles bei uns so kalt und finster, ja fast böse ist... Die Ärmsten! denkt mein Träumer dabei. Es ist kein Wunder, daß er das denkt. Schauen Sie doch nur diese zauberische Gesichte an, die sich so reizend, so launisch, so uferlos und frei vor ihm zu dem zauberhaften und beseelten Bilde vereinigen, auf dessen vorderstem Plan als bedeutendste Person natürlich er selber, unser Phantast, in eigner werter Person steht. Schauen Sie doch nur, wieviel verschiedenartige Abenteuer es dort gibt, welch einen unendlichen Schwarm begeisterter Phantasien. Sie werden mich vielleicht fragen, wovon er träumt? Wozu die Frage? Er träumt ja von allem... von der Rolle des Poeten, der anfangs nicht anerkannt und später bekränzt ward; von einer Freundschaft mit Hoffmann, von der Bartholomäusnacht, von Diana Vernon, von den heroischen Taten bei der Einnahme Kasans durch Iwan Wassiljewitsch, von Clara Mowbray, von dem Konzil der Prälaten, vor denen Hus stand, vom Auferstehen der Toten im Robert (erinnern sie sich an die Musik? Sie riecht ordentlich nach dem Friedhof!), von Minna und Brenda, von der Schlacht an der Beresina, vom Vortrag einer Verserzählung bei der Gräfin W.D., von Danton, von Cleopatra ed i suoi amanti, vom Häuschen in Kolomna und von seinem eigenen Winkel, und zwar, daß dort neben ihm ein liebliches Wesen säße, das ihm an Winterabenden mit geöffnetem Mündchen und offenen Äuglein zuhört, genauso, wie Sie mir soeben zuhören, mein kleines Engelchen...
Nein, Nastjenka, was soll ihm, dem wollüstigen Müßiggänger, jenes Leben, in das Sie und ich jetzt so gern eintreten wollen? Er denkt, daß das Leben nur arm und erbärmlich sei, und ahnt nicht, daß auch für ihn vielleicht die traurige Stunde einmal schlagen wird, da er um einen Tag dieses erbärmlichen Lebens all seine phantastischen Jahre hingeben wird, und nicht etwa um Freude oder Glück hingeben wird, denn in jener Stunde der Trauer, der Reue und des erlaubten Grames wird er nicht einmal mehr wählen dürfen. Allein, solange sie noch nicht da ist, diese drohende Zeit – wünscht er nichts, denn er steht über allen Wünschen, da er alles besitzt, da er von allem übersättigt ist, da er selber der Künstler seines Lebens ist und es zu jeder Stunde nach neuer Laune sich erschaffen kann. Wie leicht und wie selbstverständlich wird diese märchenhafte, phantastische Welt erschaffen! Es ist fast so, als wäre sie tatsächlich gar kein Gespenst! Und wahrhaftig, man könnte in mancher Minute fast glauben, daß dieses Leben nicht etwa nur eine Erregung der Gefühle sei, kein Gaukelspiel, kein Trug der Einbildung, sondern daß es geradezu das wirkliche, wahrhaftige und rechte Leben ist! Warum denn, sagen Sie es mir, Nastjenka, warum kommt in solchen Augenblicken eine Beklemmung über den Geist? Warum, durch welch eine Zauberei, durch welch ein unbekanntes Geschick kommt es, daß der Puls beschleunigt schlägt und aus den Augen Tränen quellen, warum brennen dann die bleichen, feuchten Wangen und warum erfüllt sich das ganze Dasein mit unabwendlicher Freude? Warum vergehen die langen, schlaflosen Nächte in unerschöpflicher Heiterkeit und Glück wie ein einziger Augenblick, und wenn dann der rosige Strahl des Morgenrotes durchs Fenster blitzt und die Morgendämmerung das finstere Zimmer mit ihrem unzweifelhaften, phantastischen Lichte erhellt, wie das nur bei uns in Petersburg geschehen kann, warum wirft sich unser ermatteter und zerquälter Träumer erst um diese Stunde auf sein Bett und schläft in den letzten Wellen der Begeisterung seines krankhaft erschütterten Geistes ein, mit einem quälend  süßen Brennen im Herzen? Ja, Nastjenka, da läßt man sich leicht täuschen und glaubt unwillkürlich, daß eine echte und wahre Leidenschaft die Seele bewege, daß in den körperlosen Träumerein etwas Lebendiges und Greifbares sei. Und doch ist es nichts als Betrug – schauen Sie, zum Beispiel, in seine Brust drang die Liebe mit ihrer ganzen unerschöpflichen Freude und all ihren peinigenden Qualen... Schauen Sie ihn nur an und überzeugen Sie sich davon! Werden Sie, liebe Nastjenka, bei diesem Anblick glauben, daß er jene in Wahrheit noch nie gekannt hat, die er in seinen entrückten Träumen so sehr geliebt? Ist es wirklich möglich, daß die beiden nicht Hand in Hand durch viele Jahre des Lebens gegangen sind – allein zu zweit, die ganze Welt hinter sich lassend und jeder die eigene Welt und das eigene Leben mit dem Leben des Freundes vereinigend? Ist es wirklich möglich, daß in jener späten Stunde, da sie Abschied nehmen mußten, nicht sie es war, nicht sie, die weinend und verzehrt von Sehnsucht an seiner Brust lag, ohne den Sturm zu hören, der über ihnen am finsteren Himmel tobte, ohne des Windes zu achten, der die Tränen von ihren schwarzen Wimpern riß und mit sich forttrug? Und ist es wirklich möglich, daß das alles nur ein Traum war –

Auszug aus Weiße Nächte von Fjordor Dostojewskij

Verkannt als bloßes Exemplar

Ein Atom wird nicht in Stellvertretung sondern als Spezimen der Materie zertrümmert, und das Kaninchen geht nicht in Stellvertretung sondern verkannt als bloßes Exemplar durch die Passion des Laboratoriums.

Adorno, Horkheimer

Donnerstag, 23. Juni 2011

Mittwoch, 22. Juni 2011

Big Spider's Back - Dead Channel

das Sollizitieren wie das Sollizitiertsein

Es ergibt sich hieraus, daß der Begriff der Kraft durch die Verdopplung in zwei Kräfte wirklich wird, und wie er dies wird. Diese zwei Kräfte existieren als für sich seiende Wesen; aber ihre Existenz ist eine solche Bewegung gegeneinander, daß ihr Sein vielmehr ein reines Gesetztsein durch ein Anderes ist, das heißt, daß ihr Sein vielmehr die reine Bedeutung des Verschwindens hat. Sie sind nicht als Extreme, die etwas Festes für sich behielten, und nur eine äußere Eigenschaft gegeneinander in die Mitte und in ihre Berührung schickten; sondern was sie sind, sind sie nur in dieser Mitte und Berührung. Es ist darin unmittelbar ebensowohl das In-sich-zurückgedrängt- oder- oder das Für-sich-sein der Kraft wie die Äußerung, das Sollizitieren wie das Sollizitiertsein; diese Momente hiemit nicht an zwei selbständige Extreme verteilt, welche sich nur eine entgegengesetzte Spitze böten, sondern ihr Wesen ist dies schlechthin, jedes nur durchs andere, und was jede so durchs andre ist, unmittelbar nicht mehr zu sein, indem sie es ist. Sie haben hiemit in der Tat keine eignen Substanzen, welche sie trügen und erhielten. Der Begriff der Kraft erhält sich vielmehr als das Wesen in seiner Wirklichkeit selbst; die Kraft als wirkliche ist schlechthin nur in der Äußerung, welche zugleich nichts anders als ein Sich-selbst-aufheben ist. Diese wirkliche Kraft vorgestellt als frei von ihrer Äußerung und für sich seiend, ist sie die in sich zurückgedrängte Kraft, aber diese Bestimmtheit ist in der Tat, wie sich ergeben hat, selbst nur ein Moment der Äußerung. Die Wahrheit der Kraft bleibt also nur der Gedanke derselben; und haltungslos stürzen die Momente ihrer Wirklichkeit, ihre Substanzen und ihre Bewegung in eine ununterschiedene Einheit zusammen, welche nicht die in sich zurückgedrängte Kraft ist, denn diese ist selbst nur ein solches Moment, sondern diese Einheit ist ihr Begriff, als Begriff. Die Realisierung der Kraft ist also zugleich Verlust der Realität; sie ist darin vielmehr ein ganz Anderes geworden, nämlich diese Allgemeinheit, welche der Verstand zuerst oder unmittelbar als ihr Wesen erkennt, und welche sich auch als ihr Wesen an ihrer seinsollenden Realität, an den wirklichen Substanzen erweist.

Hegel, Kraft und Verstand