Montag, 18. April 2011

Georg Seeßlen

 Jede Postdemokratie hat die politische Kultur, die sie verdient. Es bedarf einer politischen Unkultur, um die Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie zu bewerkstelligen.
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Wäre unsere Filmkultur wenigstens so ehrlich materiell wie die in Hollywood, so wäre uns klar, dass das, was wir sehen und was wir nicht sehen und wie wir sehen und vor allem wie wir nicht sehen von nicht mehr als einem Dutzend Menschen bestimmt wird.
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Dabei ist es doch genau das, wo ICH geschieht. In der kurzen, aber intensiven Dauer zwischen Aktion und Reaktion.
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Sean Penn in seiner schönsten Ausformung ist ein Stan Laurel, dem der Oliver Hardy abhanden gekommen ist. So einsam, aber auch so frei.
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In aller Regel sind die vielen Reenactment-Feiern unserer Kultur Einverständniserklärungen mit der Vergangenheit, vom Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg.
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Die Liebe, die man der Maschine verweigert, gibt man den Menschen.

Samuel Beckett - Quadrat

Prokrustebett und die Aufgabe der Religion

Die Natur mahnt zur Besinnung über ein Leben, das auf Äußerlichkeiten gestellt ist. Eine kosmische Unzufriedenheit gibt sich allenthalben kund; Sommerschnee und Winterhitze demonstrieren gegen den Materialismus, der das Dasein zum Prokrustebett macht, Krankheiten der Seele als Bauchweh behandelt und das Antliz der Natur entstellen möchte, wo immer er ihrer Züge gewahr wird: an der Natur, am Weibe und am Künstler. Einer Welt, die ihren Untergang ertrüge, wenn ihr nur seine kinematographische Vorführung nicht versagt bleibt, kann man mit dem Unbegreiflichen nicht bange machen. Aber unsereins nimmt ein Erdbeben als Protest gegen die Errungenschaften des Fortschritts ohne weiteres hin und zweifelt keinen Augenblick an der Möglichkeit, daß ein Übermaß menschlicher Dummheit die Elemente empören könnte.

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Die Aufgabe der Religion: die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht; die Aufgabe der Politik: sie lebensüberdrüssig zu machen; die Aufgabe der Humanität: ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkersmahlzeit zu vergiften

Karl Kraus

Freitag, 15. April 2011

The Pallers – The Kiss

Das Celebrity- Paradox

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Besonders seltsam war, dass seine Faust bei abstrakten Gedankengängen vollkommmen zum Stillstand kam.
Das Celebrity- Paradox war jedoch nur Teil eines anderen, universellen, noch tieferen, noch tragischeren Widerspruchs: und zwar zwischen der subjektiv empfundenen Zentralstellung jedes Einzelnen in der Welt und dem Wissen um seine objektive Bedeutungslosigkeit. Auch wenn es niemand laut aussprach, jeder bei Style, Atwater eingeschlossen, erkannte darin den alles beherrschenden Konflikt in der amerikanischen Psyche. Es ging um die Bewirtschaftung der Bedeutungslosigkeit. Dies war das Bindemittel innerhalb der synkretistischen US-Monokultur. Dieser Konflikt war ubiquitär, lag allem zugrunde, der Ungeduld beim Schlangestehen, den kleinen Betrügereien in der Steuererklärung, den großen Trends in Mode, Musik und Kunst, auch sämtliche Marketingstrategien. Besonders stark, so Atwater, äußerte er sich in den paradoxen Reaktionen des Publikums, jener gefühlten Freundschaft zu den Stars, gekoppelt mit der Ahnung, dass Millionen andere exakt dasselbe fühlten, bloß die Stars nicht. Atwater war schon etlichen Promis persönlich begegnet (das ließ sich bei einer Zeitschrift wie Style gar nicht vermeiden), aber er hatte nicht den Eindruck, dass es sich bei diesen um ausgesucht nette oder rücksichtsvolle Menschen handelte. Was wiederum irgendwie logisch war, bedachte man, dass Promis in erster Linie nicht als echte Menschen, sondern als Symbole ihrer selbst fungierten.
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David Foster Wallace, The Suffering Channel

The Books - All You Need Is A Wall

Donnerstag, 14. April 2011

Machtlos im Traum

Wir tragen unseren Sinn für Realität selbst mit in unsere Träume hinein, hinterfragen mit ihm das Glück oder Unglück unserer Traumlogik und müssen es dann doch hinnehmen.

Die ganze Bank schabt mir Rübchen.

Ein Satz kann nie zur Ruhe kommen. Nun sitzt dies Wort, denke ich, und wird sich nicht mehr rühren. Da hebt das nächste seinen Kopf und lacht mich an. Ein drittes stößt ein viertes. Die ganze Bank schabt mir Rübchen. Ich laufe hinaus; wenn ich wiederkomme, ist alles wieder ruhig; und wenn ich unter sie trete, geht der Lärm los.

Karl Kraus

Mittwoch, 13. April 2011

Über Tradition, Kapitel 2

Real verlorene Tradition ist nicht ästhetisch zu surrogieren. Eben das tut die bürgerliche Gesellschaft. Auch die Gründe dafür sind real. Je weniger ihr Prinzip duldet, was ihm nicht gleicht, desto eifriger beruft es sich auf Tradition und zitiert, was dann, von außen, als "Wert" erscheint. Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft gezwungen. Denn die Vernunft, die in ihrem Produktions- und Reproduktionsprozeß waltet und vor deren Gericht sie alles bloß Gewordene und Daseiende ruft, ist nicht die volle. Der selbst durchaus bürgerliche Max Weber definierte sie als eine im Verhältnis von Zwecken und Mitteln, nicht in den Zwecken an sich; die überantwortete er der subjektiven, irrationalen Entscheidung. Das Ganze bleibt, in der Verfügung Weniger über die Produktionsmittel und in den unerbittlich davon verursachten Konflikten, so unvernünftig, schicksalhaft und bedrohlich wie von altersher. Je rationaler sich das Ganze ineinanderfügt und schließt, desto furchtbarer wächst seine Gewalt über die Lebendigen an samt der Unfähigkeit von deren Vernunft, es zu ändern. Will aber das Bestehende in solcher Irrationalität rational sich rechtfertigen, so muß es Sukkurs suchen bei eben dem Irrationalen, das es ausrottet, bei der Tradition, die doch, ein Unwillkürliches, dem Zugriff sich entzieht, falsch wird durch den Appell. Die Gesellschaft appliziert sie planvoll als Kitt, in der Kunst hält sie her als verordneter Trost, der die Menschen über ihre Atomisierung auch in der Zeit beruhigen soll. Seit den Anfängen der bürgerlichen Periode haben die Angehörigen des Dritten Standes gefühlt, daß ihrem Fortschritt und ihrer Vernunft, die virtuell alle qualitativen Differenzen des Lebendigen ausmerzt, etwas fehlt. Ihre Dichter, die mit dem Hauptstrom schwammen, haben über den den prix du progrès gespottet, von Molières Komödie 'Le Bougeois Gentilhomme' bis zu Gottfried Kellers Familie Litumlei, die sich synthetische Ahnenbilder zulegt. All die Literatur, welche den Snobismus anprangert, der doch einer Gesellschaftsform immanent ist, in der die formale Gleichheit der inhaltlichen und der Herrschaft dient, verdeckt die Wunde, in die sie Salz streut. Schließlich verwandelt sich die vom bürgerlichen Prinzip abgetötete und manipulierte Tradition in Giftstoff. Auch genuin traditionale Momente, bedeutende Kunstwerke der Vergangenheit arten in dem Augenblick, in dem das Bewußstein sie als Reliquien anbetet, in Bestandstücke einer Ideologie aus, die am Vergangenen sich labt, damit am Gegenwärtigen nichts sich ändere, es sei denn durch ansteigende Gebundenheit und Verhärtung. Wer Vergangenes liebt und, um nicht zu verarmen, solche Liebe nicht sich austreiben läßt, exponiert sich sogleich dem perfid begeisterten Mißverständis, er meine es nicht so böse und lasse auch über die Gegenwart mit sich reden.

Adorno

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