Mittwoch, 6. April 2011

Karl Kraus

Die Widersprüche im Künstler müssen sich irgendwo in einer höheren Ebene treffen, und wäre es dort wo Gott wohnt.

Kunst bringt das Leben in Unordnung. Die Dichter der Menschheit stellen immer wieder das Chaos her.

Medizinischer Sinnspruch: Was den Vätern alte Hosen, sind den Söhnen die Neurosen.

Der Bürger duldet nichts unverständliches im Haus.

Der Künstler soll mehr erleben? Er erlebt mehr!

Wer seine Haut zu Markt getragen, hat mehr Recht auf Empfindlichkeit, als wer dort ein Kleid erhandelt hat.

Die Sprache hat in Wahrheit der, der nicht das Wort, sondern nur den Schimmer hat, aus dem er das Wort ersehnt, erlöst und empfängt.

Der Erzähler unterscheidet sich vom Politiker nur dadurch, daß er Zeit hat. Gemeinsam ist beiden, daß die Zeit sie hat.

Trauer und Scham sollten alle Pausen wahrer Männlichkeit bedecken. Der Künstler hat außerhalb des Schaffens nur seine Nichtswürdigkeit zu erleben.

Ich lasse mich nicht hindern zu gestalten, was mich hindert zu gestalten.

Das Futurum der Futuristen ist ein Imperfektum exaktum.

Die Qual läßt mich nicht zur Wahl? Doch, ich wähle die Qual.

Es ist halt ein Unglück, dass mir zu jedem Lumpen etwas einfällt. Aber ich glaube, daß es sich immer auf einen abwesenden König bezieht.

Spoon - I Summon You

Erwachsene?

Wir Erwachsene werden nicht erwachsen, weil wir so tun (müssen) als wären wir erwachsen.

Bing

Alles gewußt alles weiß nackter weißer Leib ein Meter Beine aneinander wie genäht. Licht Wärme weißer Boden ein Quadratmeter nie gesehn. Weiße Wände ein Meter mal zwei weiße Decke ein Quadratmeter nie gesehn. Nackter weißer Leib starr nur die Augen kaum. Spuren Gewirr hellgrau fast weiß auf weiß. Hände hängend offen Inneres nach vorn weiße Füße Fersen aneinander rechter Winkel. Licht Wärme weiße Flächen gleißend. Nackter weißer Leib starr hop starr woanders. Spuren Gewirr Zeichen ohne Sinn hellgrau fast weiß. Nackter weißer Leib starr unsichtbar weiß auf weiß. Nur die Augen kaum hellblau fast weiß. Kopf Kugel recht hoch Augen hellblau fast weiß starr nach vorn Stille drinnen. Kurze Gemurmel kaum fast nie alle gewußt. Spuren Gewirr Zeichen ohne Sinn hellgrau fast weiß auf weiß. Beine aneinander wie genäht Fersen aneinander rechter Winkel. Spuren allein unfertig schwarz gegeben hellgrau fast weiß auf weiß. Licht Wärme weiße Wände gleißend ein Meter mal zwei. Nackter weißer Leib starr ein Meter hop starr woanders. Spuren Gewirr Zeichen ohne Sinn hellgrau fast weiß. Weiße Füße unsichtbar Fersen aneinander rechter Winkel. Augen allein unfertig blau gegeben hellblau fast weiß. Gemurmel kaum fast nie eine Sekunde vielleicht nicht allein. Kaum rosa gegeben nackter weißer Leib starr ein Meter weiß auf weiß unsichtbar. Licht Wärme kurze Gemurmel kaum fast nie immer die gleichen alle gewußt. Weiße Hände unsichtbar hängend offen Inneres nach vorn. Gemurmel kaum fast nie eine Sekunde vielleicht ein Ausweg. Kopf Kugel recht hoch Augen hellblau fast weiß bing Gemurmel bing Stille. Augen Löcher hellblau fast weiß Mund weißer Saum wie genäht unsichtbar. Bing vielleicht eine Natur eine Sekunde fast nie soviel Gedächtnis fast nie. Weiße Wände jede ihre Spur Gewirr Zeichen ohne Sinn hellgrau fast weiß. Licht Wärme alles gewußt alles weiß unsichtbare Flächenwinkel. Bing Gemurmel kaum fast nie eine Sekunde vielleicht ein Sinn soviel Gedächtnis fast nie. Weiße Füße unsichtbar Fersen aneinander rechter Winkel hop Winkel woanders ohne Laut. Hände hängend offen Inneres nach vorn Beine aneinander wie genäht. Kopf Kugel recht hoch Augen hellblau fast weiß starr nach vorn Stille drinnen. Hop woanders wo seit jeher wenn nicht gewußt daß nicht. Nur die Augen allein unfertig blau gegeben Löcher hellblau fast weiß einzige Farbe starr nach vorn. Alles gewußt alles weiß weiße Flächen gleißend bing Gemurmel kaum fast nie eine Sekunde Sternzeit soviel Gedächtnis fast nie. Nackter weißer Leib starr ein Meter hop starr woanders weiß auf weiß unsichtbar Herz Atem ohne Laut. Allein die Augen blau gegeben hellblau fast weiß starr nach vorn einzige Farbe allein unfertig. Unsichtbare Flächenwinkel nur eine Fläche gleißend weiß ohne Ende wenn nicht gewußt daß nicht. Nase Ohren weiße Löcher Mund weißer Saum wie genäht unsichtbar. Bing Gemurmel kaum fast nie eine Sekunde immer die gleichen alles gewußt. Kaum rosa gegeben nackter weißer Leib starr unsichtbar alles gewußt draußen drinnen. Bing vielleicht eine Natur eine Sekunde mit Bild gleiche Dauer etwas weniger blau und weiß im Wind. Weiße Decke gleißend ein Quadratmeter nie gesehn bing vielleicht da ein Ausweg eine Sekunde bing Stille. Spuren allein unfertig schwarz gegeben graues Gewirr Zeichen ohne Sinn hellgrau fast weiß immer die gleichen. Bing vielleicht nicht allein eine Sekunde mit Bild immer das gleiche gleiche Dauer etwas weniger soviel Gedächtnis fast nie bing Stille. Kaum rosa herabgefallen weiße Nägel fertig. Lange Haare herabgefallen weiß unsichtbar fertig. Unsichtbare Narben gleiches Weiß wie das Fleisch kaum rosa einst verwundet. Bing Bild kaum fast nie eine Sekunde Sternzeit blau und weiß im Wind. Kopf Kugel recht hoch Nase Ohren weiße Löcher Mund weißer Saum wie genäht unsichtbar fertig. Allein die Augen blau gegeben starr nach vorn hellblau fast weiß einzige Farbe allein unfertig. Licht Wärme weiße Fläche gleißend nur eine gleißend weiß ohne Ende nicht gewußt daß nicht. Eine Natur kaum fast nie eine Sekunde mit Bild gleiche Dauer etwas weniger immer das gleiche blau und weiß im Wind. Spuren Gewirr hellgrau Augen Löcher hellblau fast weiß starr nach vorn bing vielleicht ein Sinn kaum fast nie bing Stille. Nacktes Weiß ein Meter starr hop starr woanders ohne Laut Beine aneinander wie genäht Fersen aneinander rechter Winkel Hände hängend offen Inneres nach vorn. Kopf Kugel recht hoch Augen Löcher hellblau fast weiß starr nach vorn Stille drinnen hop woanders wo seit jeher wenn nicht gewußt daß nicht. Bing vielleicht nicht allein eine Sekunde mit Bild gleiche Dauer etwas weniger Auge schwarz und weiß halb geschlossen lange Wimpern flehend soviel Gedächtnis fast nie. Dereinst Zeitblitz alles weiß fertig alles einst hop Blitz weiße Wände gleißend ohne Spuren Augen letzte Farbe hop weiß fertig. Hop starr letztes Woanders Beine aneinander wie genäht Fersen aneinander rechter Winkel Hände hängend offen Inneres nach vorn Kopf Kugel recht hoch Augen weiß unsichtbar nackt weiß alles gewußt draußen drinnen fertig. Weiße Decke nie gesehn bing einst kaum fast nie eine Sekunde weißer Boden nie gesehn vielleicht da durch. Bing einst kaum vielleicht ein Sinn eine Natur eine Sekunde fast nie blau und weiß im Wind soviel Gedächtnis nie mehr. Weiße Flächen ohne Spuren nur eine gleißend weiß ohne Ende wenn nicht gewußt daß nicht. Licht Wärme alles gewußt alles weiß Herz Atem ohne Laut. Kopf Kugel recht hoch weiße Augen starr nach vorn altes bing letztes Gemurmel vielleicht nicht allein eine Sekunde Auge matt schwarz und weiß halb geschlossen lange Wimpern flehend bing. Stille hop fertig.

Samuel Beckett

Montag, 4. April 2011

Sonntag, 3. April 2011

Weinen, dem die Tränen fehlen

(…) Gleichwohl wird Schein im Ausdruck am flagrantesten, weil dieser als Scheinloses auftritt und dennoch dem ästhetischen Schein sich subsumiert; große Kritik hat am Ausdruck als Schauspielerei sich entzündet. Das mimetische Tabu, ein Hauptstück bürgerlicher Ontologie, griff in der verwalteten Welt über auch auf die Zone, die der Mimesis tolerant reserviert war, und hat in ihr heilsam die Lüge menschlicher Unmittelbarkeit aufgespürt. Darüber hinaus jedoch dient jede Allergie dem Haß gegen das Subjekt, ohne das doch keine Kritik an der Warenwelt sinnvoll wäre. Es wird abstrakt negiert. Wohl ist das Subjekt, das kompensatorisch desto mehr sich aufspielt, je ohnmächtiger und funktionaler es wurde, im Ausdruck bereits dadurch falsches Bewußtsein, daß es als sich Ausdrückendes eine Relevanz vortäuscht, die ihm entzogen ward. Aber die Emanzipation der Gesellschaft von der Vorherrschaft ihrer Produktionsverhältnisse hat zum Ziel die reale Herstellung des Subjekts, welche die Verhältnisse bislang verhindert haben, und Ausdruck ist nicht bloß Hybris des Subjekts sondern Klage über sein eigenes Misslingen als Chiffre seiner Möglichkeit. Wohl hat die Allergie gegen den Ausdruck ihre tiefste Legitimation daran, daß etwas in jenem, vor aller ästhetischen Zurüstung, zur Lüge tendiert. Ausdruck ist a priori ein Nachmachen. Illusionär das latent ihm innewohnenden Vertrauen, es werde, indem es gesagt oder herausgeschrien wird besser, ein magisches Rudiment, Glaube an die von Freud polemisch so genannte „Allmacht des Gedankens“. Aber nicht durchaus verbleibt der Ausdruck im magischen Bann. Daß es gesagt, daß darin von der gefangenen Unmittelbarkeit des Leidens Distanz gewonnen wird, verändert es so, wie Brüllen den unerträglichen Schmerz abschwächt. Vollends der zur Sprache objektivierte Ausdruck persistiert, das einmal Gesagte verhallt kaum gänzlich, das Böse nicht und nicht das Gute, die Parole von der Endlösung so wenig wie die Hoffnung auf Versöhnung. Was Sprache gewinnt, tritt ein in die Bewegung eines Menschlichen, das noch nicht ist und kraft seiner Hilflosigkeit, die es zur Sprache nötigt, sich regt. Das Subjekt, hinter seiner Verdinglichung hertappend, schränkt diese durch das mimetische Rudiment ein, Statthalter unbeschädigten Lebens mitten im beschädigten, welches das Subjekt zur Ideologie herrichtete. Die Unentwirrbarkeit beider Momente umschreibt die Aporie des künstlerischen Ausdrucks. Nichts ist generell darüber zu urteilen, ob einer, der mit allem Ausdruck tabula rasa macht, Lautsprecher verdinglichten Bewußtseins ist oder der sprachlose, ausdruckslose Ausdruck, der jenes denunziert. Authentische Kunst kennt den Ausdruck des Ausdruckslosen, Weinen, dem die Tränen fehlen. Dagegen fügt die blanke, neusachliche Exstirpation des Ausdrucks der universalen Anpassung sich ein und unterwirft die antifunktionale Kunst einem Prinzip, das einzig durch Funktionalität sich begründen könnte. Verkannt wird von dieser Reaktionsweise das nicht Metaphorische, nicht Ornamentale am Ausdruck; je rückhaltloser die Kunstwerke ihm sich öffnen, desto mehr werden sie zu Ausdrucksprotokollen, wenden Sachlichkeit nach innen. Soviel zumindest ist an den zugleich ausdrucksfeindlichen und sich selbst, wie Mondrian, als positiv erklärenden mathematisierten Kunstwerken evident, daß sie den Prozeß über den Ausdruck nicht entschieden haben. Soll schon das Subjekt nicht unmittelbar mehr sprechen dürfen, so soll es doch – nach der Idee der nicht auf absolute Konstruktion eingeschworenen Moderne – durch die Dinge sprechen, durch deren entfremdete und lädierte Gestalt.

Adorno, Ästhetische Theorie

Robert Bresson - L'Argent

Keine Katharsis

 
... es gibt eine Idee Patrick Bateman, einen abstrakten Entwurf, aber kein wahres Ich, nur eine Erscheinung, etwas schemenhaftes, und obwohl ich in der Lage bin, mein kaltes Starren zu verbergen, und du mir die Hand schütteln kannst und dabei Fleisch spürst, das dein Fleisch umschließt, und vielleicht sogar das Gefühl hast, unser Lebensstil sei vergleichbar: Ich bin einfach nicht da. Es fällt mir in jeder Beziehung schwer, Hand und Fuß zu haben. Mein Ich ist künstlich, eine Anomalie. Ich bin ein unkontingentes menschliches Wesen. Meine Persönlichkeit ist rudimentär und ungeformt, meine Herzlosigkeit geht tief und ist gefestigt. Mein Bewußtsein, mein Mitgefühl, meine Hoffnungen, sind schon lange verschwunden (vielleicht in Harvard), als hätten sie nie existiert. Es gibt keine Grenzen mehr zu überschreiten. Alles, was mich gemein macht mit den Unkontrollierten und Wahnsinnigen, den Grausamen und Bösen, all die Blutbäder, die ich verursacht habe, und meine völlige Gleichgültigkeit darüber, habe ich jetzt selbst übertroffen. Und trotzdem klammere ich mich an eine einzige platte Wahrheit: Niemand ist sicher, nichts ist gesühnt. Und doch bin ich schuldlos. Jedem Modell menschlicher Verhaltensmuster muß eine gewisse Berechtigung zugestanden werden. Ist das Böse etwas, was man ist? Oder ist es das, was man tut? Mein Schmerz ist konstant und schneidend, und ich hoffe für keinen auf eine bessere Welt. Tatsächlich will ich, daß mein Schmerz auch andere erleiden. Ich will, daß keiner davonkommt. Aber selbst nach diesem Eingeständnis – das ich zahllose Male gemacht habe, bei fast allen Taten, die ich begangen habe – und nachdem ich mich der Wahrheit gestellt habe, tritt keine Katharsis ein. Ich erfahre keine tiefere Wahrheit über mich selbst, keine neue Erkenntnis kann aus meiner Beichte gezogen werden. Ich hatte gar keinen Grund, Ihnen das zu erzählen. Dieses Geständnis hat nichts zu bedeuten ...

Bret Easton Ellis, American Psycho
Gemälde von Giacometti

Sie vertreibt die Zeit – sie vertreibt sie nicht!

Mir scheint alle Kunst nur Kunst für heute zu sein, wenn sie nicht Kunst gegen heute ist. Sie vertreibt die Zeit – sie vertreibt sie nicht! Der wahre Feind der Zeit ist die Sprache. Sie lebt in unmittelbarer Verständigung mit dem durch die Zeit empörten Geist. Hier kann jene Verschwörung zustande kommen, die Kunst ist. Die Gefälligkeit, die von der Sprache die Worte stiehlt, lebt in der Gnade der Zeit. Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verlässt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.

Karl Kraus

Der dialektische Unterschied

Sie will das Leben – er sucht den Tod